Titel: Die Bhagavad Gita: spirituell sein in einem weltlichen Leben Slug: /de/bhagavad-gita/ Fokus-Keyword: Bhagavad Gita Meta: Du meditierst, machst Yoga, und der Alltag fühlt sich trotzdem unspirituell an? Die Bhagavad Gita zeigt, wie du mitten im weltlichen Leben spirituell lebst. Tags: spirituelle Entwicklung, Meditation, Yoga, Sinn, innere Ruhe
Vielleicht kennst du diese Frage: Du machst Yoga, du meditierst, du liest spirituelle Texte, und trotzdem fragst du dich, wie du spirituell sein und zugleich ein ganz normales, weltliches Leben führen kannst, mit Beruf, Familie und allem, was dazugehört. Wie verwandelt sich der Blick auf ein Leben voller Gegensätze in einen Blick, der in allem das Göttliche sieht?
Genau diese Frage stellt im indischen Epos Bhagavad Gita der Prinz Arjuna seinem Freund Krishna. Und obwohl die Gita ein indisches Epos ist, steht sie über jedem religiösen Dogma, dieselben Gedanken findest du auch in der westlichen Mystik.
Worum es in der Gita geht
Jack Hawley fasst die Geschichte in seinem Buch „Essential Wisdom of the Bhagavad Gita“ wunderschön zusammen: Stell dir zwei einsame Gestalten in ihrem Streitwagen vor, auf dem offenen Feld zwischen den Armeen des Guten und des Bösen, kurz bevor die Schlacht losbricht. Der eine ist der berühmte Prinz Arjuna, der größte Held seiner Zeit. Der andere ist Krishna, Arjunas Wagenlenker und bester Freund aus Kindertagen, der noch nicht offenbart hat, dass er Gott in Menschengestalt ist. Plötzlich bricht Arjuna unter der Last zusammen, die er trägt. Seine Augen füllen sich mit Tränen. „Warum tue ich das, Krishna?“, fragt er. „Das Leben ist so grausam, so fordernd. Ich kann nicht noch einmal kämpfen. Bitte hilf mir zu verstehen!” Krishnas Antwort auf diese Bitte seines Freundes um den Sinn des Lebens ist der zeitlose Dialog der Gita.
Der weltliche und der spirituelle Weg
Es heißt, das weltliche Leben sei am Anfang leicht und werde mit der Zeit immer schwerer, während der spirituelle Weg zuerst schwer sei und dann immer leichter werde. Mit „weltlichem Leben“ ist dabei ein Leben gemeint, das von einem dysfunktionalen Ego gesteuert wird: von Begierden, Gier und Besitzdenken. Die spirituelle Haltung dagegen hat das Wohl aller im Blick. Wer diesen Weg geht, lebt die Werte der bedingungslosen Liebe für alle Wesen (Prema), des Dienens (Seva), der Gewaltlosigkeit (Ahimsa) und der Rechtschaffenheit (Dharma).
Mein spiritueller Lehrer Sathya Sai Baba beschreibt den Weg in drei Stufen, wie viele spirituelle Schulen: Zuerst siehst du nur dich selbst. Dann siehst du das Göttliche in allen. Und schließlich verschmilzt du mit dem Göttlichen.
Das Bild vom Streitwagen
Die Gita gibt uns dafür ein wunderbares Bild: den Streitwagen selbst. Der Wagenlenker steht für deinen Verstand, der Wagen für deinen Körper, und die Pferde stehen für deine Sinne. Du willst einen Verstand, der funktioniert, also in die richtige Richtung lenkt. Du willst einen Körper, der gesund ist und in der Welt so handelt, wie das Göttliche in dir es ihm eingibt. Und du willst Sinne, die dir helfen, dich in der Welt zu orientieren, statt ständig überreizt zu sein, denn überreizte Pferde werden wild und bringen dich nirgendwohin.
Der vollkommene Verstand ist ein stiller Verstand, der nur dann tätig wird, wenn eine Aufgabe auszuführen ist, die vom Göttlichen in dir angestoßen wurde.
Freiheit in jeder Situation
Gewöhnlich kennen wir zwei Arten von Freiheit: die Freiheit von etwas, das wir nicht mehr wollen, und die Freiheit zu etwas, zum Beispiel das Leben zu leben, das wir uns wünschen. Der Yoga kennt eine dritte, und sie ist die kostbarste: die Freiheit der Wahl.
Alles im Leben lässt sich durch zwei Brillen sehen. Du kannst dich über etwas beklagen, so wie das negative Ego es sähe, oder du entscheidest dich, die Schönheit in allem zu sehen, was geschieht. Yoga ist die Übung, immer wieder zu dieser zweiten Sicht zurückzukehren. Wenn etwas passiert, geht der Verstand leicht nach außen, urteilt und sucht Schuldige. Wenn du aber übst, zuerst still zu werden und nach innen zu lauschen, zeigt sich eine andere Perspektive: Fehler werden zu Lektionen, scheinbare Rückschläge entpuppen sich als verkleidete Segnungen, und was wir nicht verstehen, offenbart seinen Sinn mit der Zeit.
Die Gita verbindet diese Freiheit mit dem Dharma, der Pflicht. Auch nicht zu handeln ist eine aktive Wahl mit Folgen. Der Weg der Gita ist: Folge deiner inneren Stimme Schritt für Schritt, prüfe mit dem Verstand, ob deine Wahl ethisch ist, handle, und biete das Ergebnis deines Handelns dem Göttlichen an. Du handelst also weiterhin, aber das Handeln kommt von einem anderen Ort, von einem ruhigen Ort in dir, mit der Absicht, dass für alle Beteiligten das Beste geschieht.
„Frei zu sein ist dein Geburtsrecht. Wahre Freiheit entsteht erst, wenn die Täuschung fehlt, wenn keine Versklavung an die äußere Welt mehr besteht.“ (Sathya Sai Baba, sinngemäß aus der Dharma Vahini)
Den Geist beherrschen: eine einfache Übung
Wie kommst du praktisch zu diesem stillen Verstand? Die Gita gibt eine Übung, die jeder sofort anwenden kann: In dem Moment, in dem du das Geplapper deines Verstandes bemerkst, wechselst du innerlich zur Wiederholung des Namens deiner liebsten Form Gottes.
Wenn dir der Begriff „Gott“ fremd ist, nimm das Wort, das sich für dich stimmig anfühlt, etwa „das Universum“, oder eine göttliche Qualität wie Frieden oder bedingungslose Liebe, und wiederhole diese. Sai Baba sagt, es spiele keine Rolle, welche Form wir wählen, denn das Göttliche ist formlos und hat zugleich viele Formen. Wählst du aber den Namen einer Form Gottes, überlässt du es dem Göttlichen selbst, welche Qualität gerade gebraucht wird.
Denn am Ende werden wir zu dem, woran wir denken.
Den Geist zur Ruhe bringen: drei tiefere Wege
Das Stillwerden des Geistes braucht mehr Übung, und alle Wege dorthin haben eines gemeinsam: Ehrlichkeit und eine liebevolle Haltung dir selbst gegenüber.
Setze das Ziel richtig. Nach der Gita geben alle Anhaftungen und Wünsche dem Verstand endlose Gründe zu denken. Die Kur ist, die Wünsche nach und nach loszulassen und nur einen zu behalten: den Wunsch nach Selbstverwirklichung, also nach der Erkenntnis, dass das Göttliche in dir dasselbe ist wie in allen anderen, und dass selbst die Getrenntheit eine Illusion ist.
Erforsche dich selbst. Durch Selbsterforschung spürst du die Quelle deiner hartnäckigsten Gedanken auf und löst sie: Untersuche deine Gedanken bis zum Wunsch dahinter, und schau, welche innere Qualität dir geben kann, was du im Außen vergeblich suchst. Untersuche schmerzhafte Ereignisse der Vergangenheit und suche die Lektion darin, sie ist dein Schatz. Untersuche Zukunftsängste und übergib sie vertrauensvoll dem Göttlichen in dir, denn dein Höheres Selbst kennt den nächsten Schritt immer, und zwar im Jetzt. Und untersuche falsche Konzepte über die Welt und über dich selbst: Womit vergleichst du dich eigentlich? Nimm Urteil und Schuld heraus, sie führen nirgendwohin.
Werde zum Beobachter deiner Gedanken. Wisse, dass du nicht deine Gedanken bist. Sie sind vorübergehend, dein Wesen ist es nicht. Der Verstand läuft weiter und tut seine Arbeit, aber du bist nicht wirklich interessiert. Am Anfang gelingt das am besten in der Meditation, später wird es zur zweiten Natur. Und ganz nebenbei stellt sich die schönste Frage von selbst: Wer ist eigentlich der in dir, der die Gedanken beobachtet? Mehr über diese Verbindung nach innen findest du in meinem Artikel über die Verbindung mit deinem Höheren Selbst.
Meine Buchempfehlungen zur Bhagavad Gita
Es gibt so viele großartige Bücher über die Gita. Diese drei haben mein Herz am tiefsten berührt:
- „The Bhagavad Gita: A Walkthrough for Westerners“ von Jack Hawley. Das Besondere: Er verwebt Kommentare und Geschichte, sodass du die Gita wie eine Erzählung liest, statt Vers für Vers zwischen Text und Kommentar zu springen.
- „Bhagavad Gita or the Divine Song“, mit Kommentaren aus Texten von Sathya Sai Baba, herausgegeben von Camilla Svensson. Wenn du die Texte von Sai Baba liebst, findest du hier eine herzöffnende Deutung des Epos.
- „Bhagavad Gita“ von Alvin Drucker. Der Autor hat Vorträge von Sathya Sai Baba über die Gita gesammelt.
- „The Supreme Yoga“ (Yoga Vasistha), übersetzt von Swami Venkatesananda. Ein Jahreslesebuch mit einer Seite Einsicht pro Tag: morgens lesen, darüber meditieren und die Lehre durch den Tag tragen. Seine Bilder von den vielen Armreifen aus einem Gold und den Wellen des einen Ozeans begleiten mich bis heute.
Wenn der Geist trotzdem nicht still wird
Wenn du diese Übungen kennst und dein Verstand trotzdem immer wieder in dieselben Gedankenschleifen fällt, liegt darunter oft ein Muster, das im Unterbewusstsein gespeichert ist und sich mit Übung allein nicht erreichen lässt. Genau daran arbeite ich in meinen Sitzungen, zum Beispiel mit Resonance Repatterning. Wenn du magst, lass uns sprechen.
Buche einen kostenlosen Kennenlerntermin: https://tidycal.com/sandragross/claritycall
Das Beitragsbild zeigt das Cover des Buches „Bhagavad Gita“ mit Kommentaren von Sathya Sai Baba, zusammengestellt von Camilla Svensson.